Das Agrarkulturerbe der Saatzucht in Quedlinburg lässt sich in einem weit umfassenden kulturhistorischem Rahmen mit tausendjähriger Spannweite so in unser heutiges Blickfeld einordnen, dass es aus der stolzen Vergangenheit und Wirklichkeit der Gegenwart noch weit in die Zukunft des gerade neu begonnenen Jahrhunderts weist. Es soll deshalb aus agrarhistorischem, volkswirtschaftlichem und soziologischem Blickwinkel einmal die Frage aufgeworfen werden:
Warum ist Quedlinburg - als eine der ältesten deutschen Residenzstädte - auch würdig, zum "Welt-Agrarkulturerbe" in der Saatzucht zu gehören?
Anhand von s e c h s T h e s e n (oder Argumenten) sind hierzu zunächst einige erläuternde Begründungen anzuführen:
(1) In Quedlinburg finden wir die ältesten Kulturpflanzen- bzw. Blumen-Zuchtgärten
Deutschlands! - Der mittlerweile über 1000jährige Abteigarten, der noch heute
mit mehr als 70.000 m2 am Fuße des Schlossberges vorzeigbar ist, sowie der
(zwischenzeitlich bebaute) Propsteigarten und der Dechaneigarten im Quedlinburger Stadtteil
Westendorf, waren jahrhundertelang Zeugnisse einer empirisch dort betriebenen Pflanzenauslese
und Samenzucht. Von hier ausgehend haben dann nach der Säkularisierung des 936 gegründeten
freiweltlichen Reichsstifts im Jahre 1802/03 mehrere Gärtner- und Bürgerfamilien ihre
Saatgutfirmen und -geschäfte eingerichtet.
(2) In Quedlinburger Feldmarken entwickelte sich im 18. - 20. Jahrhundert die intensivste
Samenbau-Region in Deutschland und Europa! - Die allein zum Stadtgebiet Quedlinburgs
gehörenden Feldmarken messen heute noch mehr als 7.500 ha (oder wie man bis zur Mitte
des 20. Jahrhunderts sagte: ca. 30.000 Morgen "unter dem Pflug"!). Hier waren
noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts mehr als 350 ha Zuchtgärten angelegt,
der Samenbau in entsprechenden Saatbaufruchtfolgen erfolgte auf mehr als 4.000 ha.
- Das gab und gibt es in keinem anderen Ort Deutschlands oder Europas.
Zusammen mit den Nachbarfeldmarken (Ditfurt, Badeborn, Rieder, Gatersleben,
Hedersleben, Harsleben u. v. a.) wurden über 10.000 ha bestgeeigneter
landwirtschaftlicher und gartenbaulicher Nutzflächen für einen artenreichen
Samenbau genutzt.
(3) In Quedlinburg befinden sich seit dem 19. Jahrhundert die größten und
umfassendsten, in Stadt und Landschaft harmonisch integrierten Gebäudekomplexe
zur Saatzuchtwirtschaft! - Als weltbekannte Beispiele sind die DIPPE- und
METTE-Höfe zu nennen: Ein "Haupthof" der früheren Firma DIPPE, wo unter
anderem heutzutage noch die "Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen"
angesiedelt ist, umfasst allein ein Areal von 65.000 m2 mit vielseitigen Hof- und
Gebäude-Untergliederungen, einschl. eines repräsentativen firmeneigenen
Bankgebäudes (s. Abb.). Ein weiterer "Stadthof" der früheren Firma METTE,
direkt Vis-a-vis am anderen Bodeufer gelegen, hatte sogar eigenen Gleisanschluss
zum Verladen der millionenfachen Saatware-Frachtsendungen in alle Welt.
- Die vom Quedlinburger Güterbahnhof abgesandten Saatgutmengen lagen bei
rund 15.000 Tonnen Saatgut jährlich (d.h. einmal überschlägig gerechnet:
bei 10 t / Waggon und 30 Waggon / Güterzug), sind das etwa 50 Güterzüge,
also pro Woche ein Güterzug, voll beladen mit "Qualitätssaatgut Quedlinburger
Herkunft", auf dem Schienenwege nach ganz Deutschland und Europa sowie
bis nach Übersee verfrachtet.
(4) In Quedlinburg ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die vielseitigste
Züchtungsforschung integriert! - Bereits seit 1840/50 und verstärkt seit den 70er und
80er Jahren des 19. Jahrhunderts haben mehrere Saatzuchtfirmen, wie z. B. GRASSHOFF,
ZIEMANN, KEILHOLZ, DIPPE, METTE, SACHS/SCHREIBER, WEHRENPFENNIG und viele andere,
Saatzuchtlaboratorien und Experimental-Gewächshäuser eingerichtet. Die 1886 gegründete
Saatzucht-Abteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) wurde auch
von Quedlinburger Saatzüchtern und Saatguterzeugern unterstützt. - 1908 kam es
in Berlin zur Gründung der Gesellschaft zur Förderung deutscher Pflanzenzucht
(GFP), die von 1908 bis zur Auflösung 1934 von dem Saatzuchtdirektor
Dr. h. c. LUDWIG KÜHLE (seit 1914 bei der DIPPE AG in Quedlinburg) geleitet wurde.
Seit 1935 hatte der Pflanzengenetiker Dr. GUSTAV BECKER die Leitung der bereits
seit 1885 intensiv genutzten Saatzuchtlaboratorien der Fa. Gebrüder Dippe AG
übernommen und hier eine leistungsfähige Züchtungsforschung etabliert. - Auch
nach Beendigung des 2. Weltkrieges konnte G. BECKER seine Pionierarbeiten
fortsetzen: Nach der im März 1946 in Quedlinburg erfolgten Proklamation
zur Einrichtung einer Deutschen Saatzucht-Gesellschaft (DSG) gründete
BECKER bereits 1947 das erste DSG-Institut für Pflanzenzüchtung in der
damaligen Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Nach der Bildung
einer Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin
(DAL), zu deren Gründungsvätern 1950/51 auch GUSTAV BECKER gehörte,
wurde das, dann der DAL zugeordnete, Forschungs- und Züchtungsinstitut
bald wieder weit über Deutschlands Landesgrenzen hinaus bekannt. Es wurde 1972,
entsprechend seiner traditionsreichen Spezifität, in Institut für Züchtungsforschung
(IfZ) umbenannt und hat sowohl exzellente Grundlagenforschungen als auch
hundertfache Sortenzüchtungen und praxisorientierte Produktionsforschungen
zum Saatbau betrieben, ... bis zur Friedlichen Revolution 1989/90 mit etwa
900 Mitarbeitern. - Aus dem früheren DIPPE`schen Forschungskomplex bzw. dem
späteren DAL-Züchtungsforschungs- Institut ist seit 1992 die Bundesanstalt
für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen (BAZ) hervorgegangen, die in
vorhandenen Gebäudekomplexen und Standorten der Zuchtgärten nun eine reine
Grundlagenforschung (an acht Standorten in Deutschland mit ca. 500 Mitarbeitern)
betreibt, aber keine Sortenzüchtung und Saatbauforschung mehr durchführt.
- Schwerpunktorientiert werden vor allem biotechnologische Forschungsprojekte
favorisiert. Die BAZ ist Teil der Ressortforschung des
Bundes-Landwirtschaftsministeriums in Bonn / Berlin.
Mit einem "Innoplanta-Netzwerk Pflanzenbiotechnologie Nordharz/Börde
strebt das Land Sachsen-Anhalt in die Weltklasse", so formulierte
Anfang des Jahres 2003 die "Mitteldeutsche Zeitung" und zitierte einen
beteiligten US-Vorstandschef: "Es gibt nur wenige Regionen in der Welt,
die in der Pflanzenforschung einen solchen Stand erreicht haben" (Prof. Yuri Gleba).
(5) In Quedlinburg hatte sich in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts (1950-1990)
durch die Deutsche Saatzucht Gesellschaft (DSG) das in Europa größte Saatzuchtunternehmen
als Kombinat (= Konzern) der Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft entwickelt!
Aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts soll der Umfang dieses Unternehmens nur
in kurzen Zügen einmal angedeutet werden: In 100 firmenzugehörigen Saatzuchtgütern
(im Gesamtterritorium der DDR) mit rd. 110.000 ha Landwirtschaftlicher Nutzfläche
waren mehr als 50 Saatzuchtstationen integriert. Von den 20 Vermehrungs- und
Vertriebsfirmen (von den Inseln Rügen und Poel in der Ostsee im Norden flächendeckend
bis zum Erzgebirge und Thüringer Wald im Süden reichend), mit einem Saatgutangebot von
370 verschiedenen Pflanzenarten und 2.250 zugelassenen Zuchtsorten, wurden mehr als
4,5 Milliarden DDR-Mark (nur Rubel-konvertierbar) als Jahresumsatz erreicht. Saat-
und Pflanzgut-Exporte erfolgten in über 50 Länder der Erde. Wegen dieser in Europa
einzigartigen Konzentration und Spezialisierung wurde Quedlinburg im internationalen
Sprachgebrauch salopp als "DDR-Hauptstadt des Saatgutwesens" bezeichnet.
Die nach der Friedlichen Revolution 1989/90 und dem Beitritt des ersten so genannten
deutschen "Arbeiter- und Bauernstaates" (= DDR) zur Bundesrepublik
Deutschland (= BRD) neu gebildete Deutsche Saatzucht Aktiengesellschaft
(DSG AG) in Quedlinburg/Harz - mit zunächst noch ca. 20.000 Beschäftigten
eines der weltgrößten Saatgut-Unternehmen - wurde durch die bundesdeutsche
"Treuhand" in den 90er Jahren schrittweise zergliedert und privatisiert. Die
Weiterführung eines solchen, auf dem Weltmarkt durchaus konkurrenzfähigen
staatlichen Züchtungsunternehmens, wurde von den privatwirtschaftlich orientierten
westdeutschen Pflanzenzüchtungs-Gesellschaften (Bundesverband Deutscher
Pflanzenzüchter - BDP, Gemeinschaft zur Förderung deutscher Pflanzenzucht -
GFP und Gesellschaft für Pflanzenzüchtung - GPZ) abgelehnt. Die "Versorgung"
mit Saatgut für die mehr als 6 Millionen ha Landwirtschaftlicher Nutzflächen
der Ex-DDR, die bisher vom Quedlinburger Kombinat mit einem Saatgutwechsel
von ca. 96 % Hochzuchtware quantitativ und qualitativ einwandfrei gewährleistet
worden war, bedeutete für die privaten westdeutschen Saatgutfirmen einen
sprungartigen Marktzuwachs im "Absatzgebiet Neue Bundesländer", der für die
Westfirmen einer (von ihnen selbst so bezeichneten) "Goldgräberstimmung"
gleichkam. - Die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Berlin und
das Saatzuchtkombinat in Quedlinburg wurden ab 1991 abgewickelt! - Von den
allein in Quedlinburg jahrzehntelang beschäftigten mehr als 3.000 Saatgut-
Fachkräften konnten nur etwa 10 % ihren angestammten Arbeitsplatz behalten.
(6) Im nur etwa 10 km (Luftlinie) von Quedlinburg entfernten Nachbarort
Gatersleben befindet sich eine der weltbedeutendsten Kulturpflanzen-Sammlungen
mit "lebendem" Ausgangsmaterial für die Pflanzenzüchtung, das in internationalen
Fachgremien auch als "Erbe der Menschheit" bezeichnet wird! - Von den mehr als
150.000 Kulturpflanzen-Sippen (wie sie in der taxonomischen Fachsprache genannt
werden) sind jährlich etwa 10.000 Pflanzensippen im Reproduktionsanbau auf den
Versuchsfeldern der "Kulturpflanzenbank" im Institut für Pflanzengenetik und
Kulturpflanzenforschung (IPK) zu besichtigen. - Dieses pflanzengenetische Reservoir
von mehr als 2.000 botanisch verschiedenen Pflanzenarten ist für eine vielseitige
Nutzung jederzeit zugänglich. Es wird von Wissenschaftlern, praktischen Züchtern
und vielen an der botanischen Pflanzenvielfalt Interessierten aus den
unterschiedlichsten Berufszweigen auch intensiv genutzt. Dabei wird, locker
gesagt, auch "Pflanzengeschichte zum Anfassen" geboten, denn nicht nur im Index
Seminum (Samenverzeichnis) ist übersichtlich das (kostenlos) lieferbare Angebot
verzeichnet, sondern "vor Ort" kann in Versuchs- und Zuchtgärten (ca. 75 ha)
sowie Gewächshausanlagen (mehr als 10.000 m2) auch direkter
"Anschauungsunterricht" gegeben werden.
Dieses in sechs Thesen aufgezeigte Agrarkulturerbe eines bodenständigen Wirtschaftszweiges
der Vorharzregion führt natürlich nach dem Eintritt in das nunmehrige 21. Jahrhundert
auch zu weiterreichenden Fragestellungen oder Schlussfolgerungen, von denen in der
gebotenen Kürze zunächst nur erst drei nachfolgend in Betracht zu ziehen sind, und zwar:
Erstens sollte in Quedlinburg unverzüglich konzeptionell damit begonnen werden, im
21. Jahrhundert ein "Deutsches Saatzuchtmuseum" zu etablieren!
Zweitens sollte in Quedlinburg nach dem nun vollzogenen Jahrhundertwechsel baldmöglichst
eine "Landesgartenschau" des Bundeslandes Sachsen-Anhalt installiert werden!
Drittens könnte der in der Quedlinburg-Region erzeugte "Herkunftswert" deutschen
Hochzuchtsaatgutes durch bodenständige Vermehrungen wieder zur vorherigen
Weltgeltung gebracht werden!
Alle drei genannten Aufgabenstellungen sind natürlich gleichzeitig auch große
Fragestellungen, denn es wird immer die Realpolitik der Gegenwart und das
Verständnis der heute hier "vor Ort" und in dieser Zeit lebenden und zu beteiligenden
Menschen mit zu befragen sein:
Sind die aus dem 20. Jahrhundert kommenden Deutschen in Quedlinburg überhaupt noch
in der Lage, solche, viel Tatkraft und Unternehmertum erfordernden, Strukturmaßnahmen
in der Wissenschaft und der Wirtschaft, in der Verwaltung und insgesamt im
phantasievollen Denken der Sachverständigen des Metiers auch umzusetzen? -
Die Chronisten meinen: Es gehört schon einige Phantasie, um nicht zu sagen
Vision, dazu, solche Gedankengänge mit der Wirklichkeit des realen heutigen
Alltags zu konfrontieren, aber, es soll dennoch einmal andeutungsweise
versucht werden.
Zum 1. Fragenkomplex, der Schaffung eines Deutschen Saatzuchtmuseums:
Durch den zwischenzeitlich erfolgenden Neubau einer Bundesanstalt für Züchtungsforschung
auf dem Moorberg an der Gernröder Chaussee in Quedlinburg wird der bisherige Standort am
Neuen Weg (ehemals DIPPE-Komplex, s. Abb. ) der "Industriebrache" zugeführt und es wird
"höchste Zeit" hier konzeptionell anzusetzen und das frühere DIPPE-Bankgebäude, in dem
seit 1992 die Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen residierte, in ein
Deutsches Saatzuchtmuseum umzuwandeln.
Inhaltliche Vorstellungen wurden mehrfach bereits diskutiert (neudeutsch "angedacht")
und das Argument "nicht finanzierbar" ebenso oft bereits von der Hand gewiesen: Natürlich
sind weder die Weltkulturerbestadt und der Landkreis Quedlinburg noch das Bundesland
Sachsen-Anhalt und selbst der Bundeshaushalt am Anfang dieses 21. Jahrhunderts in der
Lage, die hohen Renovierungs- und Einrichtungskosten sowie den ständigen Unterhalt
dieser kulturhistorischen Gedenkstätte zu tragen.
Neben den in Quedlinburg bereits bestehenden Einrichtungen (Schlossmuseum,
Klopstockmuseum, Fachwerkmuseum, Stiftskirche und Domschatz, Wiperti-Kirche,
Feiniger-Galerie, u.a.m.) existiert bisher für den Berufszweig
Landwirtschaft/Gartenbau aber kein adaequates Museum ... in ganz Deutschland.
- Während Erfurt das Deutsche Gartenbaumuseum (ega), Stuttgart-Hohenheim +
Leipzig (agra) das Deutsche Landwirtschaftsmuseum, Diesdorf / Altmark das
älteste Deutsche Freilichtmuseum im ländlichen Raum beherbergen, fehlt eine
solche fachspezifische Einrichtung für die Saatzucht in Deutschland ganz. Und
kein Ort in Mitteleuropa ist dafür prädestinierter als Quedlinburg!
Realisierbar, sprich finanzierbar, wird ein solches Projekt aber nur, wenn es
auf Bundesebene angefasst wird, und zwar möglicherweise als eine "Stiftung des
öffentlichen Rechts" mit privater Finanzierung aus der Wirtschaft (als da sind:
Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP), Gemeinschaft zur Förderung der
privaten deutschen Pflanzenzucht (GFP), Saatgut-Treuhandverwaltungs-GmbH Bonn,
u.a.m.), die beim Saat- und Pflanzgut-Absatz (analog dem früheren Kohle-Pfennig)
einen Stiftungsbeitrag jährlich selbst erwirtschaften. - Einzelheiten des
materiellen und immateriellen Umfanges/Inhaltes sind durch ein zu berufendes
Konsortium zu klären. Zunächst geht es um den Anstoß, die Vision, zu diesem
"Unternehmen". Der gegenwärtige Hintergrund ist u.a., dass vor dem oder beim
Auszug/Umzug der BAZ aus dem zum Museum vorgesehenen früheren Bankhaus der
Gebrüder DIPPE AG entsprechende Projektstudien und Vorverhandlungen usw.
bereits durchzuführen sind.
Zum 2. Fragenkomplex, der Durchführung einer Landesgartenschau:
Dass die Bewerbungen der Stadt Quedlinburg zur ersten (2004 in Zeitz) und
zweiten (2006 in Wernigerode) Landesgartenschau in Sachsen-Anhalt erfolglos
waren, ist tragisch, aus der wirtschaftlichen Sicht sogar katastrophal zu
nennen. - Wir, d. h. die Antragsteller direkt und indirekt die große Mehrzahl
aller Bürger dieser früheren "Blumenstadt", waren und sind noch sehr erschüttert,
dass dieses so optimistisch angefangene "Unternehmen" bisher gescheitert ist. Weil
nach wie vor die Meinung vorherrscht, dass Quedlinburg nicht nur beste Voraussetzungen
(mit Ausnahme der "Finanzmisere") für die Installation einer solchen Landesgartenschau
besitzt, sondern auch kulturhistorisch einen einzigartigen Rahmen bieten kann, wird
an dem Projekt als solchem weiterhin festgehalten!
Zum 3. Fragenkomplex, dem regionalen Herkunftswert des Saat- und Pflanzgutes:
Der Begriff Herkunftswert ist noch heute eine vielseitige Kategorie der Kulturpflanzenforschung
und für den agrargeografischen Raum um Quedlinburg besonders bedeutungsvoll. Denn in diesem
Begriff liegt die eigentliche tiefere Ursache für den jahrhundertelangen Erfolg der
Quedlinburger Sämereien, der gepaart mit dem züchterischen Können zu einem Qualitätsbegriff
wurde. Man verband damit im Sprachgebrauch oder Schrifttum und vor allem in der Handelspraxis
bestimmte äußere und innere Gütemerkmale oder Qualitätseigenschaften, wie z. B. Reinheit,
Keimfähigkeit, Standorteignung, Frosthärte, Trockenheitsresistenz, Widerstandsfähigkeit
bzw. Toleranz gegen Krankheiten oder Schädlinge, Reifezeitpunkte, wertvolle Inhaltsstoffe,
spezielle Nahrungs- oder Futtereignung, Zierpflanzenwert, u.a.m.
Erfahrene Saatzüchter und Saatenvermehrer sind noch heute der Überzeugung, dass die
Idee des Herkunftswertes eigener Saatware auch marktträchtig ist. Der auswärtigen
Konkurrenz, die in vielfacher Weise auch Billigware aus in Südländern oder Fernost
erzeugten Saatgutpartien anbieten, kann nur mit einer offensiven Strategie begegnet
werden, und zwar
mit einer art- und sortenspezifischen Auslese-Züchtung und bodenständigen Vermehrung,
mit einer Qualität, die vor allem auch im inneren Herkunftswert der Saatware liegt, und
mit einer Nischenproduktion, die nicht nur neue Sorten, sondern auch neue Arten in die Nahrungsgüter- und Rohstofferzeugung durch die einheimische Saatgutproduktion bringt.
Zusammengefasst lautet die schlichte Forderung / Aufforderung: Der Quedlinburger Saatbau muss
sich wieder auf die eigene Kraft besinnen!
Wenn so Vision und Wirklichkeit im Nachdenken und Vordenken, oder notfalls auch im
Querdenken, miteinander und schrittweise wieder gepaart werden, kann eine fruchtbare
Zukunft entstehen. Denn so war der Sinnspruch - Zukunft braucht Herkunft! - auch zu deuten.
Helmut Gäde (Entwurf eines Beitrages für die "AQUELA 2" im ARA Verlag Quedlinburg; www.ara-verlag.de)
Weiterer Quellennachweis: "Saatzucht in Quedlinburg", ARA Verlag, 206 S., ISBN 3-934221-12-2
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