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Geschichte Quedlinburgs

Der Quedlinburger Stiftsschatz


Der Schatz der Quedlinburger Stiftskirche gewährt mit über 50 mittelalterlichen Werken einen Blick auf die Kunstfertigkeiten des Zeitalters der Ottonen. Im Laufe seiner Existenz hat er vieles "gesehen", wie den Aufstieg Quedlinburgs zur heimlichen Hauptstadt des deutschen Reiches, viele Herrscher und große Persönlichkeiten und den Niedergang des Damenstiftes. In seiner jüngeren Vergangenheit wurde er jedoch das Objekt eines wahren "Kunstkrimis".
Es ist geradezu unvorstellbar, welchen Schatz an Gold und Edelsteinen die mittelalterlichen Kirchen bargen. Doch weitaus wichtiger als diese materiellen Kostbarkeiten waren die Relikte von Heiligen und Märtyrern, zu denen Knochen, Blut, Haare und Kleiderfetzen zählten oder auch die Instrumente und Gegenstände, die ihnen Pein und Tod gebracht hatten. Um diese Objekte entwickelte sich ein wahrer Kult, denn die Menschen glaubten fest daran, dass es Genesung, Wohlergehen, Kindersegen und ähnliches brachte, wenn sie in ihrer Nähe gewesen waren, sie sehen oder gar berühren konnten. Sie pilgerten in regelrechten Strömen zu den Reliquien und brachten den Kirchen beachtliche Einkünfte.
Quedlinburg wurde unter Heinrich I. zu einer der wichtigsten Pfalzen des Reiches ausgebaut, auf der er sich gern und oft aufhielt. Auch die Ottonen fühlten sich dem Ort und speziell dem ansässigen Damenstift durch familiäre Beziehungen und die durch ihre Vorfahren begründete Tradition, das Osterfest hier zu verbringen, ebenfalls sehr verbunden. Sie förderten es insbesondere, indem sie es reich mit Reliquien beschenkten. Ihrer Bedeutung angemessen wurden diese in kostbaren und prachtvollen Behältnissen aufbewahrt, die von Meistern ihrer Kunst gefertigt wurden. Neben Geschenken dieser Art fanden auch andere Kostbarkeiten den Weg nach Quedlinburg. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang das in Goldtinte geschriebene Samuhel-Evangeliar, das einen Einband aus vergoldetem Silber erhielt, der mit Perlen, Edelsteinen und Korallen verziert wurde, und das Otto-Adelheid-Evangeliar mit einem kunstvollen Elfenbeinrelief auf dem ansonsten ähnlich geschmückten Buchdeckel. Die sächsischen Herrscher verhalfen dem Stift so zu einer großartigen Sammlung und zu hohem Ansehen, das dem Reliquienschatz und der Verbindung mit dem Kaiserhaus zu verdanken war.
Seit dem 16.Jahrhundert verkleinerte sich der Bestand jedoch allmählich. Aufgrund finanzieller Zwangslagen war das Stift selbst gezwungen, Stücke zu verkaufen, aber auch die jeweiligen Schutzherren oder der Bruder Napoleons, Jérôme von Westfalen, stellten eine Bedrohung für die Kostbarkeiten dar.
Trotz alledem blieb der Schatz in einem erstaunlichen Umfang erhalten. Bis zum April 1945...
In diesen Tagen am Ende des zweiten Weltkrieges zogen Amerikaner in die weitgehend unbeschädigt gebliebene Stadt ein. Es bleibt im Dunkel der Vergangenheit verborgen, ob sie zufällig auf die aus der Kirche ausgelagerten Schätze stießen oder einem Hinweis folgten. Sicher ist lediglich, dass zwei Tage vor ihrem Einzug bei einer Bestandsaufnahme die Vollständigkeit des Stiftsschatzes festgestellt wurde. Im Mai, bei der Rückführung in die Kirche, waren 12 Teile verschwunden.
Erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also über 40 Jahre später, fand sich eine Spur, als das Samuhel-Evangeliar auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten wurde. Im Frühjahr 1990 konnte die neugegründete Kulturstiftung der Länder die Handschrift erwerben. In der Zwischenzeit hatte sich der Jurist und Historiker Dr. W. Korte aufgemacht, die restlichen Stücke des Quedlinburger Schatzes zu finden. Er folgte hartnäckig den wenigen Spuren und stellte langwierige Recherchen an. Diese führten ihn in eine kleine Stadt in Texas namens Whitewright. Dort hatte der 1980 verstorbene Joe Meador gelebt. Meador studierte in seiner Jugend Kunstgeschichte und ging dann zum Militär. Im Jahr 1945 wurde die Bewachung des Quedlinburger Schatzes einer Einheit unter Leutnant Meador übertragen. Dr. Korte fand heraus, dass Meador die fehlenden Stücke per Feldpost und als "Bible" deklariert nach Texas geschickt hatte. In seinem Nachlass fanden sich bis auf zwei kleinere, aber nicht weniger wertvolle Objekte die verschwundenen Kostbarkeiten. Es gelang, mit seinen Erben einen außergerichtlichen Vergleich zu erzielen und somit die so lange verschollenen Pretiosen wieder nach Quedlinburg zurückzubringen.
Am 23.September 1993 wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst, einem offiziellem Festakt und einer ausgelassenen Feier die Wiedervereinigung eines der spektakulärsten Kirchenschätze Deutschlands gefeiert.
Es grenzt fast an ein Wunder, dass der Schatz seine bewegte Vergangenheit und diese Odyssee nahezu unbeschadet überstanden hat und in seiner ursprünglichen Schatzkammer wieder Zeugnis ablegen kann von der einstigen Bedeutung des Stiftes und von der deutschen Geschichte.
(B.Reis)

 

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