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Geschichte Quedlinburgs

  • Liudolfinger/Ottonen-Stammbaum
  • Zeittafel
  • Die Geschichte einer kleinen Stadt


    Quedlinburg stieg in der Vergangenheit mehrmals zu politischem Ruhm und gesellschaftlichem Ansehen auf. Noch heute lebt die Stadt von ihrer historischen und höchst interessanten Vergangenheit.

    Die Geschichte der Stadt beginnt mit einer Besiedelung durch die Cherusker. Dies wird durch zahlreiche archäologische Funde von Geräten, Waffen, Knochen und Gefäßen belegt. Die Cherusker lebten von Ackerbau und Viehzucht. Sie verschwanden in den Wirren der Völkerwanderung aus dieser Gegend und machten Platz für die Duren oder Duringe (Thüringe).

    Mauerreste aus der Zeit der Merowinger im Tal südwestlich des Schlossfelsens, in der ungefähren Gegend der heutigen Wipertikirche, deuten auf einen dort gelegenen großen Wirtschaftshof hin, für den sich bis heute keine Befestigungen erkennen lassen. In alten Urkunden und ähnlichen Dokumenten wird der Hof als Quitilinga aufgeführt. Er gehörte einem thüringischen Adligen namens Quitilo. Dabei bedeutet Quitilo als Verkleinerungsform soviel wie der jüngere Quito. Quito wiederum ist jemand, der gut reden kann, denn "quit" sagte man noch im Mittelalter zu "reden". Auf dem Hof lebte also der Sohn des Quito mit seinem Gefolge.

    Inzwischen waren auch Sachsen in dem Gebiet des heutigen Quedlinburgs sesshaft geworden. Wahrscheinlich hatten sie im Laufe des 7. Jahrhunderts den Burgberg zur Verteidigung ausgebaut.
    Mit dem Verfall der Merowingerherrschaft kam es zu Streitigkeiten zwischen den Franken, die die Thüringer an ihr Reich gebunden hatten, und den Sachsen. Nach der Niederschlagung des letzten Sachsenaufstandes im Jahre 748 wurden anlässlich einer Strafexpedition durch den Frankenherrscher Pippin zahlreiche Burgen zerstört. Dazu zählte wahrscheinlich auch die Burg in Quedlinburg. In der Folgezeit fehlt es an einem Hinweis für eine erneute Bebauung des Burgberges. Lediglich die Siedlung im Tal blieb, die den Namen Quitilingaburg weiterführte.

    Etwa in der Mitte des 9. Jahrhundert gelangte das damals bedeutende Kloster Hersfeld durch eine Reihe von privaten Schenkungen in den Besitz des Ortes. Otto der Erlauchte aus dem Geschlecht der ostsächsischen Liudolfinger war von 901 bis zu seinem Tod im Jahre 912 Laienabt des Klosters. Er nutzte diese Zeit, um durch Aneignung und Tausch von Klostergut seine Hausmacht im Harz und seinen politischen Einfluss zu vergrößern. Als Teil seines Vermächtnisses fiel mit dem Titel eines Herzogs von Sachsen auch die "villa quae dicitur Quitilingaburg", der Herrensitz Quedlinburg, an seinen Sohn Heinrich.
    Im Frühling des Jahres 919, so will es die Legende, wurde Heinrich beim Vogelfang am Finkenherd von den Abgesandten der Fürsten die deutsche Königskrone zusammen mit den anderen Reichsinsignien angeboten. Er wurde jedoch auf dem Reichstag in Fritzlar als einflussreichster und fähigster der deutschen Fürsten vom anwesenden fränkischen und sächsischen Adel zum deutschen König gewählt, wobei er zugegen war. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass ihm die Reichsinsignien in Quitilingaburg überbracht wurden, da sich diese noch im Besitz der Konradiner befunden hatten. Da sich hier der Stammsitz seiner Familie befand, diente der Ort nach der Krönung als Königshof. Die erste urkundliche Erwähnung datiert vom 22.04.922. Darin unterzeichnete Heinrich in "villa quae dicitur Quitilingaburg".
    Die seit 900 jährlich wiederkehrenden Raubzüge der Ungarn führten zum Erlass einer Burgenordnung zur Befestigung wichtiger Orte im Reich, die auf der römischen Bautradition basierte und Sorge dafür tragen sollte, dass die Orte sowohl Zuflucht als auch Platz für friedliche Versammlungen und größere Feierlichkeiten bieten konnten. Den strategisch günstig gelegenen Sandsteinfelsen und einstigen Burgberg ließ er zwischen 924 und 933 befestigen und zu einer Burg ausbauen, die er nach 933 zu einer Pfalz umwandelte.
    Bereits am 16.09.929 schenkte er seiner Frau Mathilde fünf Ortschaften zum Witwengut, darunter war auch Quedlinburg. Und er bestimmte seinen Sohn Otto zum Alleinerben des Reiches.
    Heinrich I. starb am 02.07.936. Er wurde an seine auserwählte letzte Ruhestätte Quedlinburg überführt und in einem schlichten Holzsarg in der Kirche auf dem Burgberg beigesetzt.

    Von Heinrich I. (922) bis zu Friedrich II. (etwa um 1207) lassen sich, bis auf Heinrich VI., für alle deutschen Herrscher Aufenthalte in Quedlinburg geschichtlich belegen. Gerade das Osterfest feierten sie nach Möglichkeit "nach der Sitte der Vorfahren" in Quedlinburg. Somit war die Stadt so etwas wie eine Hauptstadt, was sich in der Bezeichnung "Metropolis des Reiches" niederschlug, die Otto III. in der Urkunde von 994 verwendete.

    Mathilde gründete kurze Zeit nach dem Tod ihres Mannes ein weltliches Damenstift für Adlige, das den Fürsten und Landesherren gleichgestellt war. Sie starb 968 und wurde an der Seite Heinrichs I. beigesetzt. Sie tat alles in ihrer Macht stehende für das Wohl des Stiftes und machte es zu einer Stätte der Geschichtsschreibung und zu einem Zentrum wissenschaftlich-religiösen Lebens. Es galt als bedeutender Mittelpunkt europäischen Geisteslebens.

    Die Gründungsurkunde für das reichsunmittelbare Stift wurde von Otto I. am 13.09.936 unterzeichnet. Er versah es mit Grundbesitz und Einkünften. Das Stift stand unter dem Schutz des Kaisers und war in kirchlichen Angelegenheiten nur dem Papst Rechenschaft schuldig. Die dort Lebenden hatten das Recht, ihre Äbtissin selbst zu wählen. Diese waren souveräne Amtsträgerinnen und herrschten über verschiedene Ländereien. Bis zu seiner Auflösung im Jahr 1802 war das Quedlinburger Stift ein selbständiger Staat.
    Erste Äbtissin wurde 966 die erst elfjährige Tochter Ottos I., Mathilde. Sie wurde 998, während ihr Neffe Otto III. in Italien weilte, zur Reichsverweserin eingesetzt. Quedlinburg war somit erneut das Zentrum des Reiches.
    Am 23.11.994 gewährte Otto III. seiner Tante das Markt-, Zoll- und Münzrecht für Quedlinburg. Er beurkundete es mit den Worten "... um Quedlinburg zu erhöhen, deswegen, weil unsere Vorfahren diesen Ort mit ganzer Ehrfurcht liebten...". Es beinhaltete die vollständige Immunität des Marktes und Zollfreiheit im ganzen Reich. Damit wurde es zur Grundlage für die eigentliche Stadtentwicklung. Die strategisch günstige und Schutz bietende Lage war der Entwicklung eines Marktes bis zu diesem Zeitpunkt eher hinderlich. Aufgrund der vom Stift gewährten Privilegien wuchs die Zahl der Bürger und Kaufleute jedoch sehr rasch an. Auch der Zuzug von Bauern aus den umliegenden Dörfern infolge zahlreicher feudaler Abgaben, Frondienste und aufgrund der Einführung der Leibeigenschaft trug zum Gepräge einer Stadt bei. Es ist dabei jedoch zu bedenken, dass es sich ursprünglich um mehrere Siedlungen handelte, die sich erst Anfang des 11. Jahrhunderts zu einer Stadt verdichteten. Der Ort gehörte damals zu den vier wichtigsten Städten im mittleren und nördlichen Reich. Zu einer endgültigen Vereinigung zwischen der Altstadt und der Neustadt kam es allerdings erst um 1330. Über den Zeitpunkt der Stadtrechtsverleihung ist nichts bekannt.

    In der Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts ging es den Quedlinburgern wirtschaftlich sehr gut. Es kam zur Entstehung des Rathauses, dreier Stadtkirchen und der fast einhundert Meter langen Steinbrücke, die mit ihren 23 Bögen das ausgedehnte Sumpfgelände zwischen zwei Armen der Bode überspannte. Die Alt- und die Neustadt wurden 1330 von einer vier Kilometer langen Stadtmauer mit 28 Türmen umfasst. Es gab Anstrengungen, den Fluss einzudämmen und das Gebiet östlich der Bode bebaubar zu machen. Das Westendorf, der Bereich um den Schlossberg, wurde erst 1810 mit der Alt- und der Neustadt zu einer Verwaltungseinheit zusammengeführt.

    Anno 1300 verkaufte die Äbtissin Bertradis II. die Neustadt für 1000 Mark Stendalsches Silber an die Grafen von Regenstein, um die Finanzmisere des Stiftes abzuwenden. Die Grafen belehnten 27 Jahre später die Alt- mit der Neustadt.

    Um die Gefahren besser abwehren zu können, die einer Stadt drohen können, schloss Quedlinburg 1326 mit Aschersleben und Halberstadt eines der damals üblichen Schutzbündnisse. Aus diesen und den Gründen, die eine solche Partnerschaft im Bezug auf den Ausbau des Verkehrs, nämlich die Anlage von Straßen und Kanälen, mit sich brachte, trat die Stadt 1426 dem bereits Anfang des 13. Jahrhunderts gegründeten Städtebund der Hanse bei. Ein weiteres Zeichen für die Selbständigkeit der Stadt ist im Anschluss an den Großen Städtebund 1432 zu sehen.

    In den Jahren 1336 und 1337 kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Grafen Albrecht II. von Regenstein und dem Bischof Albrecht von Halberstadt, die beide die reiche Stadt zu besitzen trachteten. Der Graf marschierte in die Neustadt ein, aber die Quedlinburger nutzten die willkommene Gelegenheit, die Vormundschaft durch das Stift und die Grafen zu beenden und schlugen sich auf die Seite des Halberstädters. Es gelang ihnen, den Grafen zu besiegen und gefangen zu nehmen. Er soll der Hinrichtung nur entgangen sein, indem er, quasi als Lösegeld, den kostenlosen Ausbau der Stadtmauer zusammen mit der Errichtung neuer Türme zusagte.

    Wahrscheinlich erhielt die Stadt ihren Roland 1440. Er ist das Symbol städtischer Freiheiten wie Rechtshoheit und Emanzipation. Andere Datierungen verweisen jedoch auf einen entsprechenden Auftrag des Rates der Stadt aus dem Jahre 1461. Aus dieser Zeit stammt eine entsprechende Rechnung. In Quedlinburg trägt er den Reichsadler, was darauf schließen lässt, dass sich Quedlinburg als reichsunmittelbare Stadt betrachtete. Dies und die Finanzkraft der Bürgerschaft, die sogar dem Stift hin und wieder einen Vorschuss gewährten, missfielen der seit 1458 amtierenden Äbtissin Hedwig II. von Sachsen. Mit Hilfe ihrer Brüder Ernst und Albrecht von Sachsen unterwarf sie 1477 die Stadt mit Waffengewalt wieder unter die Hoheit des Stiftes. Sie strich dem Rat der Stadt alle Privilegien und erzwang unerhört hohe Geldabgaben. Als Zeichen der Rechtlosigkeit der Stadt ließ sie den Roland stürzen und zerschlagen.

    Unter der Äbtissin Anna II. und Herzog Heinrich kam es im Jahr 1539 zur Einführung der Reformation in Quedlinburg, dabei wurden die Klöster der Stadt, die im Bauernkrieg von 1525 noch nicht zerstört worden waren, säkularisiert. Vom 01.07.1615 bis 1679 prägte die Stadt eigene Münzen.

    Der Dreißigjährige Krieg begann für Quedlinburg erst ab dem Jahre 1633, ernsthafte Auswirkungen zu zeigen. Es kam zu Einquartierungen und Besetzungen. Durch glückliche Einigungen konnten jedoch größere Schäden als Folge von Belagerungen vermieden werden. Zusätzlich kam es in den Jahren 1626 und 1636 zu Pestepidemien, die die Einwohnerzahl bis auf ein Viertel reduzierten. Am 09.08.1676 wütete ein Großbrand in der Altstadt, dem viele Menschen und 67 Häuser zum Opfer fielen. Eine weitere Feuersbrunst zerstörte am 18.04.1765 (eine andere Datierung stammt von 1797) einen anderen großen Teil der Altstadt.

    Der sächsische Kurfürst August der Starke verkaufte 1698 seine Schutzherrschaft über Quedlinburg für 240.000 Taler an Friedrich III. von Brandenburg. Die Brandenburger besetzten die Stadt am 30.01.1698 und brachten ihr einen kurzzeitigen wirtschaftlichen Rückgang. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich der Handel jedoch wieder erholt. Es bestanden zahlreiche Brauereien und Branntweinbrennereien. Damit verbanden die Quedlinburger die Mastschweinhaltung, die die Reste als Futter bekamen. "Quellnborjer Brennewien und Masteschwien" machten die Stadt zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert weithin bekannt.

    Am 13.07.1802 wurde das evangelische freiweltliche Damenstift vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. aufgelöst. Wenige Jahre später, nach der Besetzung Brandenburgs durch Napoleon, fiel das ehemalige Stiftsland an das Königreich Westfalen. Zwischen 1807 und 1813 kam es aufgrund der luxuriösen Hofhaltung König Jérômes zur Versteigerung des Schlossinventars. Anno 1813 folgte die Wiedereingliederung in den preußischen Staat.

    Aufgrund der von Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Großbritannien verhängten Kontinentalsperre kam es zu einem Ausbleiben der Rohrzuckerimporte. Die in Quedlinburg ansässigen Firmen Mette und Dippe gingen dazu über, ertragreichere Zuckerrüben zu züchten, um den Verlust zu kompensieren. Bereits 1834 wurde die erste bedeutende Zuckerfabrik der Provinz Sachsen vor dem Oeringer Tor gebaut. Der Gründer der Firma Dippe führte als erster in Deutschland das Prinzip der Individualauslese und die Überprüfung der Nachkommen ein. Das und die günstigen klimatischen Bedingungen machten Quedlinburg ebenso wie die unterschiedlichen Böden zum Zentrum der deutschen Samenzucht und zum größten deutschen Samenproduzenten. Im Jahr 1920 beschäftigte Dippe 1.700 Arbeiter und war 1922 die größte Samenhandlung Europas. Die Firmen Mette und Dippe versorgten bis zum 2.Weltkrieg die Erzeuger von einem Drittel der Weltgemüseproduktion. Des Weiteren waren sie die Begründer des Quedlinburger Rufes als Blumenstadt. Im Zuge der Bodenreform wurden sie enteignet und in volkseigene Betriebe umgewandelt. Heute ist Quedlinburg der Sitz der Bundesanstalt für Züchtungsforschung.

    Im Jahre 1852 gab es in Quedlinburg neun Schulen. Nur wenige Städte dieser Größenordnung besaßen zu dieser Zeit ein städtisches Schulwesen, das in dieser Form ausgebaut war. Bereits 10 Jahre später wurde es umgewandelt, so dass es nunmehr lediglich 2 Bürger- und 3 Volksschulen gab.

    Mit Anschluss an die Eisenbahn 1862 und der Entwicklung des technischen Fortschritts begannen sich in Quedlinburg Industriebetriebe anzusiedeln, und die Bebauung überschritt die Bode in Richtung Süden. Die Stadtverwaltung erbaute in den letzten 20 Jahren des 19. und den ersten des neuen Jahrhunderts eine Gasanstalt, einen Schlachthof, das Wasser- und das Elektrizitätswerk. Auch die Straßen wurden in dieser Zeit passierbar gemacht und die Kanalisation ausgebaut. Der bereits seit 1660 bestehende Anschluss an die regelmäßige Postlinie der zwischen Hamburg und Leipzig verkehrenden Reitpost wurde auf die Bahn verlegt.
    Die Dampfmaschine trieb die industrielle Revolution immer weiter voran. Für ein Betreiben ohne Gefahr für Leib und Leben waren Teile notwendig, die ebenfalls ständig weiterentwickelt werden mussten. Auf solches Zubehör hatte sich die 1877 gegründete Quedlinburger Firma Steinle & Hartung spezialisiert. Sie erfanden einen so genannten Ferntemperaturwächter, der Fehler bei der Bedienung von Dampfmaschinen ausschloss, und noch heute verwendet wird. Zu Beginn des 2. Weltkrieges wurde sie aufgrund ihrer Anzeige- und Registriergeräte und ihrer Feinmessinstrumente zum Rüstungsbetrieb, denn diese Apparaturen kamen in U-Booten, Flugzeugen und Waffen zum Einsatz. Nach dem Krieg wurde er zum volkseigenen Betrieb Mertik, der dann viele Jahre größter Arbeitgeber der Stadt war. Ebenfalls sehr geachtet war zur Zeit der Jahrhundertwende die Glaskunstwerkstatt Ferdinand Müller. Sie stattete über 200 Kirchen mit handwerklich und künstlerisch wertvollen Fenstern aus. Die Lieferungen gingen bis nach Rußland, Norwegen und Afrika.

    Der Roland wurde, obwohl es all die Jahre bekannt war, wo sich die Bruchstücke befanden, erst 1869 restauriert und am 19. Mai vor dem Rathaus feierlich wieder aufgestellt.
    Nach dem ersten Weltkrieg wurde preiswerter Wohnraum immer notwendiger. Er wurde als Siedlung in der heutigen Süderstadt, dem Industrieviertel der Stadt, geschaffen. Im Jahr 1925 trat die Bode über ihre Ufer und bescherte der Stadt ein Jahrhunderthochwasser, das verheerende Schäden anrichtete. Brücken wurden weggerissen, die Strom- und die Gasversorgung brachen zusammen, Menschen mussten teils unter Lebensgefahr für alle Beteiligten evakuiert werden.

    Genau 1000 Jahre nach dem Tod Heinrichs I. versammelte sich die SS unter ihrem Reichsführer Heinrich Himmler am 02.07.1936 das erste Mal auf dem Quedlinburger Schlossberg. Die Tausendjahrfeier sahen sie als ein "Geschenk des Himmels", aus dem sich idealer weise politisches Kapital schlagen lasse. Die so genannte Heinrichsfeier kehrte nun alljährlich wieder. Sie erklärten die Stiftskirche zu ihrer Weihestätte und Heinrich zu ihrem Ahnherrn. Nach dem zyklischen Modell der Nationalsozialisten hat das deutsche Volk alle 1000 Jahre einen überragenden Führer, dem es überallhin folgt. Somit wäre Hitler der legitime Nachfolger des ersten deutschen Königs. Aber auch Himmler selbst ließ es sich nicht nehmen, sich als seine Reinkarnation zu bezeichnen. Am 06.02.1938 wurde der Kirchenschlüssel erzwungenermaßen an die SS übergeben.

    Quedlinburg konnte die Zerstörungen des 2. Weltkriegs fast unbeschädigt überstehen. Durch den Beschuss der Stadt gegen Ende des Krieges starben 40 Erwachsene und 2 Kinder, etwa 30 Häuser wurden in Mitleidenschaft gezogen. Am 17.04.1945 zogen die Amerikaner ein. Einer von ihnen, Leutnant Joe Meador, schickte einige Stücke des Quedlinburger Stiftsschatzes per Feldpost nach Texas. Bereits am 01.07. erfolgte die Übergabe der Stadt an die Rote Armee. In den folgenden Jahren wurden die Großgrundbesitzer enteignet und volkseigene Betriebe gegründet. Die Bausubstanz der Altstadt verfiel und wurde zum Teil abgebrochen. Das wurde auch nicht durch die 1976 erfolgte Erklärung zur Denkmalstadt aufgehalten. Im Gegenteil, es sollten nach Beschlüssen von 1989 Flächenabrisse erfolgen, um einer Ersatzbauweise Platz zu machen. Teilweise wurden sie umgesetzt, bis die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten dem Einhalt gebot.

    Am 6. Januar 1990 veranstalteten die Quedlinburger Bürger ein "Dankeschön-Fest" für die freundliche Aufnahme der Ostdeutschen im Westen nach dem Fall der Grenzen. Es waren ca. 60.000 Besucher auf den Beinen, davon standen allein 30.000 im Stau auf allen Zufahrtsstrassen. Sobald der Anschluss an die Bundesstrasse 6n fertig gestellt ist, dürfte eine solche Schwierigkeit, die Stadt bei Großereignissen zu erreichen, hoffentlich nicht mehr bestehen. Die Bürgermeister der fünf deutschen Fachwerkstädten Celle, Hameln, Herford, Münden und Quedlinburg besiegelten am 21. April 1990 die Gründung einer Städteunion. Nach vielen Verhandlungen kam im Herbst 1993 der Domschatz wieder an seinen angestammten Platz. Die Einzigartigkeit der Altstadt führte 1994 zur Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der UNESCO.

    Text: B.Reis

     

    Quedlinburg - UNESCO Weltkulturerbe